Interview auf Erris FM - Anja Uhlig und Doris Affeldt mit Edith Geraghty

Interview auf Erris FM – über uns und die Seedbank

In unserem Interview auf Erris FM stellte uns Edith Geraghty viele spannende Fragen: wie Doris vor 33 Jahren nach Doohoma kam, um hier zu bleiben (Teil #1), wie Anja wegen Granatapfelbäumen nach Irland kam und die Idee mit der „Seedbank of Love & Stories“ hatte (Teil #2) – und wie wir das Projekt begonnen und realisiert haben, wie der Geschichtenaustausch funktioniert und was für Pläne wir für die Zukunft der „Seedbank“ haben (Teil #3).

Das ganze Interview kann man sich auf englisch hier anhören (29:50 min) – schönen Dank an Erris FM für das file!

oder hier die deutsche Übersetzung lesen:

#1 – Wie Doris nach Doohoma auswanderte

So viel Platz, ich hatte so viel Platz!

Edith: Wir sind hier auf Erris FM Radio auf 90.8, hier aus dem Bürgerzentrum von Belmullet. Ich bin Edith Geraghty und das hier ist „Good morning Erris“ und ich bin hocherfreut und begeistert, Euch mit Neuigkeiten zu versorgen von einem fantastischen internationalen Kunstprojekt, das im Postamt von Doohoma stattfindet. Doris Affeldt, herzlich willkomen bei to Erris FM.

Doris: Hey, guten Morgen, danke für die Einladung.

Edith: Nun Doris, erzähl mir, was brachte Dich nach Doohoma vor inzwischen wievielen Jahren?

Doris: Ok, ich kam 1983 hierher. In diesem Sommer werden es 33 Jahre.

Edith: 33 Jahre! Du siehst noch nicht alt genug aus, um so lange hier gelebt zu haben.

Doris: Oh, danke, aber doch.

Edith: Offensichtlich stimmt Dir die gute frische salzige Seeluft zu 😉 . So, was brachte Dich nach Doohoma?

Doris: Oh, erstmal bloß eine verrückte Idee, ich hab einfach gesagt“laß es uns versuchen“, und ich liebte einfach diese Landschaft hier, ich liebete die Menschen und dachte einfach, es wäre ein guter Ort zum Leben. Man muß jung und blauäugig sein, um sowas zu machen, irgendwo hinkommen und zu sagen „laß es uns versuchen“. Und natürlich gab es genügend Schwierigkeiten, aber wir haben durchgehalten und so bin ich immer noch da.

Edith: Was war der größte Unterschied, der Dir am Anfang aufgefallen ist?

Doris: Der Platz! Ich hatte soviel Platz!

Edith: Ja, wir haben wirklich einen Horizont …

Doris Affeldt Doohoma

Doris: Ja, und am Meer zu leben ist wirklich etwas total Schönes für mich. Und ich liebe das Land, die Menschen, das Meer, ja vor allem die Menschen. Ich wurde so warm empfangen in Doohoma.

Edith: ja, es sind wundervolle Menschen hier. Ich glaube, die Leute hier in Erris ganz im Allgemeinen, weißt Du, wir sind fast wie eine Isel hier, … und die Denkweise hier ist anders, die Menschen sind anderes hier, sie sind so liebenswürdig, so warmherzig und so selbstbewußt, einfach weil sie immer so weit weg waren von allem anderen, und gleichzeitig sind sie auch fortschrittlich. Es ist die beste Kombination, die ich je irgendwo gefunden habe. Also, 33 Jahre in Doohoma, Du hast sicher beobachtet, wie Erris sich verändert hat über die Jahre.

Doris: ja klar, auf traurige Weise, weil doch einige feine Menschen aus dem Dorf, die Doohoma wirklich zu dem gemacht haben, was es war, ich denke zum Beispiel an John K? oder Eamon Heston (er ist Ann’s Vater und betrieb früher das Postamt, Anmerkung der Übersetzerin), also Menschen wie sie sind gestorben und das ist sehr traurig. Es ist ein ärmerer Ort geworden.

Edith: ja, und kleine Ortschaften leben so sehr vom Charkater der Menschen, die da leben. Die machen wirlich die Idendität der gegend aus und es ist ein großer Verlust, wenn sie sterben, weil ihre Geschichte und ihre Persönlichkeit mit ihnen stirbt, wer sie waren, alle Menschen, mit denen sie gesprochen haben und die sie kannten.

Doris: Sie können halt nicht ersetzt werden. Sie haben ein großes Loch hinterlassen.

Edith: Absolut.

Doris: Und als ich kam, da gab es nur ein Auto im Dorf. Und das ganze Dorf hatte keinen Traktor. Für jede Ernte haben wir Michael Doocey aus dem nächsten Dorf kommen lassen. ‘Meitheal’ (die gegenseitige ERnthilfe unter Nachbarn in Irland) war grad noch in vollem Schwung und das hat es uns sehr leicht gemacht anzukommen, weil wir einfach bei allen mitgearbeitet haben.

Edith: Du hast deinen Nachbarn geholfen, ihren Torf heimzubringen; und sie haben dir dann mit deinem geholfen.

Doris: Es brauchte keine Eingewöhnungsphase. Vom ersten Tag an waren wir dabei – und wir waren sehr glücklich, daß wir uns auf diese Weise so leicht integrieren konnten, man kommt zusammen, ja, es ist einfach eine andere Art zusammen zu kommen, wenn man miteinander arbeitet.

Edith: Ja, wenn Du Seite an Seite arbeitest.

Doris: Mit den ganzen „Midgies“ (das sind die gefräßigen Mini-Mücken, die es in Irland gibt, Anmerkung der Übersetzerin).

Edith: Genau!

Doris: Und so war das eine echt wertvolle Zeit. Also auch wenn es keine einfache Zeit war, aber es war richtig gut.

Edith: Eine gute Zeit.

Doris Affeldt Doohoma

Doris: Ja. Da war wirklich was anderes als jetzt. Jeder hat jetzt ein Auto. Wir müssen uns jetzt nicht mehr auf der Straße treffen.

Edith: Einige der älteren Bewohnre meines Dorfes würden sagen, daß man früher alles von Hand machen mußte, jedes einzelne Stück Arbeit, von morgens bis abends, aber daß wir immer Zeit hatten stehen zu bleiben und miteinander zu reden. Und jetzt haben wir haben wir so viele Hilfmittel – und keiner hat mehr Zeit mit dem anderen zu reden.

Doris: Ja, was ist da passiert!

Edith: Ja, was haben wir da verloren auf dem Weg? Unsere Werkzeuge haben uns zu unabhängig gemacht, glaube ich machmal. Wir brauchen die Anwesenheit von Menschen nicht mehr so sehr.

Doris: Es sieht erstmal so aus.

Edith: Aber wir können das wiederherstellen und Projekte wie dieses hier können das bewirken.

MUSIKPAUSE

Straße zum Postamt von Doohoma

#2 Wie Granatäpfel Anja nach Doohoma brachten

Während meiner Arbeit mit den Granatapfelbäumen, verstand ich, daß ich mit Menschen arbeitete. Und so kamen Menschen in meine Projekte und das machte es für mich so viel größer.

Edith:Hier bin ich wieder and ihr hört gerade Erris FM auf 90.8. Wir haben grade mit Doris Affeldt geprochen heute morgen, und wir haben auch die Künstlerin Anja Uhlig hier im Studio. Nun, Doris hat uns erzählt, ok, Du bist in Doohoma und die Zeiten ändern sich, das Dorf verändert sich und Du willst zu den alten Gebräuchen zurück, oder?

Doris: Du kannst nicht zurückgehen, aber Du kannst versuchen, das Gute davon wieder zu verwenden. Was ich früher besonderes geliebt habe war, daß wir zusammen gearbeitet haben – und jetzt haben wir diese Projekt mit Anja gestartet. Sie hat mich vor 2 Jahren gefragt, ob ich mit ihr zusammen arbeiten würde und „zusammenarbeiten“ ist wirklich ein schönes Wort – ich mag das.

Edith: Und wie hast Du Anja kennengelernt?

Doris: Wir haben uns ungefähr vor sieben Jahren auf einem Seminar in Italien getroffen. Wir waren zusammen in einem Raum untergebracht. Zufall also. Wir haben 3 Wochen ein Hotelzimmer geteilt und sind dabei Freundinnen geworden und so habe ich sie eingeladen. Und ich glaube, es brauchte wirklich jemanden, der von außen kommt, um zu erkennen, was wir hier haben, mit einer besonderen Einstellung, um erkennen zu können, was da ist. Und dann hatte sie diese Idee.

Doris und Anja - Seedbank of Love & Stories

Edith: Nun Anja, herzlichen willkommen bei Erris FM. Erzähl uns doch ein bißchen was von Deiner Arbeit als Künstlerin. Auf was bist Du spezialisiert und was hat dich dazu geführt, eine solche Arbeit zu machen?

Anja: Danke, daß ich dasein darf. Als ich angefangen habe, künstlerisch zu arbeiten, da habe ich vor allem gezeichnet und Videos gemacht. Aber ich empfand es auch als eine einsame Arbeit und war nicht ganz glücklich damit. Weißt Du, jeder will seine Arbeit zeigen und sichtbar werden, und am Ende sitzt Du da alleine und so habe ich begonnen Projekte zu entwerfen, die mit Orten arbeiten – und mit Menschen. Am Anfang waren es aber Orte.

Edith: Du wolltest also mit anderen zusammenarbeiten?

Anja: Genau

Projekt Spitzbergen - Granatäpfel (Die Vorhut) - realitaetsbüro Anja Uhlig

Edith: Auf diese Art, die Doris beschrieben hat? Also auf in einem gemeinschaftlichen Sinn?

Anja: Ja, aber am Anfang habe ich nach wie vor erstmal alleine gearbeitet, aber bei der Arbeit im Öffentlichen Raum und für meine Projekte kam ich in Kontakt zu Menschen, also Menschen kamen in meine Projekte. In einem meiner ersten Projekte habe ich Granatapfelbäume an Menschen in Obhut gegeben, und am Anfang war das für mich einfach ein Granatapfelbaum-Projekt. Und dann habe ich diese Menschen gesehen – ich habe von jedem ein Sofortbild gemacht, wenn er den Baum in Obhut genommen hatte – ich sah, wie jeder einzelne dieser Menschen so glücklich war mit seinem kleinen Granatapfelbaum – und da verstand ich, daß ich mit Menschen arbeitete. Und so kamen Menschen in meine Projekte und das machte es für mich viel größer.

Edith: Und warum Granatapfelbäume?

Anja: Oh das ist eine lange Geschichte.

Edith: Von allen Bäumen auf der Welt, warum genau dieser?

Anja: Es kam dazu, weil ich an einem Projekt mit dem Namen „Projekt Spitzbergen“ (mehr Info auf „Projekt Spitzbergen“ auf www.realitaetsbuero.de) arbeitete. Bei dem Projekt geht es um Nutzpflanzen. Ich hatt das Gefühl, es wäre wichtig, sich das Thema genauer anzuschauen. Ich hatte eine Installation mit Kohl und dann wurde ich damit zu einem Austauschprojekt eingeladen.

Edith: Eine Installation mit Kohl – da mußt Du uns mehr dazu erzählen. Ich meine, die Iren lieben Kohl.

Anja: Ach, echt? Aber das ist eine lange Geschichte – ich habe das unter der Erde in München realisiert, in einer Unterführung.

Edith: In einer Unterführung?

Projekt Spitzbergen - Zum Gipfeltreffen Kohl - realitaetsbüro Anja Uhlig

Anja: Es ist ein Kunstraum der Stadt München und ich wollte ausprobieren, ob Kohl auch uter der Erde wächst, weil ich von der Samenbank gehört auf der Insel Spitzbergen, sie heißt Svalbard und es ist …

Edith: … ein außergewöhnlicher Speicher für alle Arten von Samen aus aller Welt, die dort aufbewahrt werden sollen, um die Arten zu bewahren.

Anja: Ja, und zwar auch für den Fall, daß es zu sowas wie einer atomaren Katastrophe kommt …

Edith: Ja, wir könnten uns dann noch ernähren.

Anja: Aber ich habe mich gefragt „können wir das wirklich“? Nach so einer Katastrophe? Vielleicht gibt es dann nichts mehr and so wollte ich ausprobieren, ob sie auch unter der Erde wachsen und natürlich tun sie das nicht. Die Installation war dort für eine Woche und währenddessen wurde ich zu diesem Austauschprojekt mit Istanbul eingeladen. Und da fielen mir halt einfach Granatäpfel ein. Und so haben wir 613 an einem tag im Herbst 2010 im Münchner Stadtraum 613 Granatäpfel geschält. Es war echt viel Arbeit und wir haben daraus Marmelade gemacht. Und ich hab alle meine Helfer gebeten, daß sie mir von jedem Granatapfel genau einen Samen aufheben, für das „Projekt Spitzbergen“. Und so hatte ich dann 613 Granatapfelbäume, und die habe ich dann an Menschen in München und in Istanbul in Obhut gegeben. Und 202 sind übriggeblieben, weil das Projekt 2013 in Istanbul durch die Gezi Park-Aufstände unterbrochen wurde, und danach machte es keinen Sinn mehr, dort im öffentlichen Raum in dieser Form weiterzuarbeiten. Und so sind die Bäume noch bei mir und sie brachten mich dann auch nach Irland: Doris hatte mich schon lange eingeladen, sie besuchen zu kommen, und vor 2 Jahren folgte ich ihrer Einladung. Und in meinen Gedanken hatte ich auch meine übrig gebliebenen Granatapfelbäumchen dabei, und ich dachte, ich könnte vielleicht herausfinden, wie das Projekt weitergeht, und so kam ich nach Doohoma.

nar_istanbul

Edith: Ich verstehe. Und als Du hier ankamst, was hast Du da gedacht?

Anja: Vorher? Oder als ich hier war?

Edith: Hattest Du, bevor Du kamst, irgendeine Vorstellung, wie es sein würde?

Anja: Ich war schon mal ganz früher in Irland und ich habe es als eine sehr sehr schöne Insel in Erinnerung. Und ich konnte nicht denken. Mein Gehirn war irgendwie stillgelegt. Und als ich diesmal zurückkam, da war es ähnlich. Und es wirklich wunderschön, und für mich aus München ist die Weite wirklich großartig.

Edith: Absolut, absolut. Wie ich schon gesagt habe, dieser riesige Horizont, dieses Meer, was immer weiter geht, dieses endlose Meer.

#3 Die „Seedbank of Love & Stories“

 

Die „Seedbank of Love & Stories“ ist ein Ort an dem man Geschichten tauschen kann. Sie macht das Postamt von Doohoma sichtbar und mit ihm die Menschen, die hier leben und die Menschen, die ihre Geschichte beisteuern und sie hier gegen eine andere eintauschen.

Edith: Willkommen zurück hier bei Erris FM auf 90.8. … Heute abend, Freitag, den 11. März zwischen 18 und 20 Uhr, habe wir eine Eröffnungsveranstaltung hier im Postamt von Doohoma, Ballina. Sie eröffnen die „Seedbank of love & stories“ und wir haben das große Glück hier im Studio die Künstlerin Anja Uhlig zu haben, sowie Doris Affeldt mit der sie zusammen an diesem Projekt arbeitet. Also Anja, erzähl uns, was ist die „Seedbank of Love & Stories“?

Anja: Die „Seedbank of Love & Stories“ ist ein Ort, an dem man Geschichten tauschen kann. Das Projekt macht den Raum des Postamts sichtbar. Also es macht das Postamt selber sichtbar, und mit ihm die Menschen, die hier leben und die Menschen, die eine ihrer Geschichte beisteuern bzw. ihre Geschichte hier gegen die eines anderen Menschen eintauschen.

Edith: Also, als Du hierher kamst und die Post betreten und den Raum gesehen hast, war das der Moment, daß Du angefangen über sowas nachzudenken?

Doohoma_place_0_2

Anja: Nein, es war komisch, denn wie ich schon vorher erzählt habe, kann mein Gehirn manchmal nicht so gut denken, wenn ich in Irland bin, ich dachte also nichts. Ich kam zufällig in die Post, weil mich eine Freundin gebeten hatte, ihr eine Postkarte aus Irland zu schicken und deshalb kam ich in die Post. Doris brachte mich her, und als ich reinkam, fühlte ich mich sofort in eine andere Welt versetzt. Ich sah die Post und traf auf Ann, die dort arbeitete, und ich sah den Vorraum der Post, in dem früher ein Geschäft war, und ich sah, daß das Geschäft nicht mehr so viel zu tun hat, weil die Leute jetzt alle ein Auto haben und irgendwohin zum Einkaufen fahren. Das war so mein Gefühl, und ich kaufte eine dieser Postkarten, die da wohl schon etwas länger standen, für meine Freundin und ich kaufte einige auch für mich, weil ich sie absolut toll finde.
Es ist halt einer dieser Orte, wo man was spürt, aber Du weißt nicht genau was. Ja, es gibt einige solcher Orte hier, wo man sich etwas überwältigt fühlt. Und auch etwas komisch, so als Fremder, es ist halt anders. Aber als ich dann zurück nach München kam …. ah nein, vorher passierte noch was: I traf in Galway eine Künstlerin, die mir etwas über Geschichten erzählte. Sie hatte ein Projekt gemacht, bei dem sie Geschichten gegen Marmelade getauscht hatte. Und so wurde mir bewußt, daß Geschichten in Irland so wichtig sind.

Edith: Absolut.

Anja: Und als ich dann zurück nach Deutschland kam und das Flugzeug in München landete, da war mein Gehirn wieder da …

Edith: … und tickte wieder …

Anja: … und ich dachte, dieser Ort ist wirklich ein Austauschort für Geschichten, und man könnte ihn als solchen sichtbar machen. Ich mochte den Raum. Und ich schrieb das Konzept und fragte Doris, ob sie sich vorstellen könnte, daß man sowas realisieren könnte, und sie sagte ja.

Anja Uhlig, Seedbank of Love & Stories

Edith: So Doris, da hast Du diese wundervolle Idee vorgesetzt bekommen – was passierte dann?

Doris: Ja, als Anja damit ankam, da hat es sich wirklich spannend und ziemlich verrückt angefühlt.

Edith: Immer das Markenzeichen eines guten Künstlers, „ziemlich verrückt“.

Doris: ziemlich verrückt, ja, und dann haben wir mit Ann gesprochen.

Edith: Ja, Ann Heston ist die Eigentümerin und Betreiberin des Postamts von Doohoma. Die Geschichte der Familie Heston hier in Doohoma ist lang, klar. Viele, viele Generationen …

Doris: … und so,ja, letztendlich hat sie sich für die Idee erwärmt und inzwischen ist sie richtig begeistert davon. Sie war eine Riesen Hilfe dabei, alles zusammenzubringen.

Edith: … und ihr Sohn Joseph, ihr habt auch ihm extra für seine ganze Hilfe gedankt.

Doris: Ja

seedbank_innen

Und wie funktioniert das mit dem Geschichten Tauschen?

Edith: Ok, aber jetzt erzähl mir, wie funktioniert das? Habt ihr Taubenlöcher hier in der Wand oder wie geht es?

Doris: Anja, magst Du das beantworten?

Anja: Ich will’s versuchen. Es ist vielleicht auf den ersten Blick etwas komisch, aber ich mag es mit dem zu arbeiten, was schon da ist.

Edith: Okay

Anja: Und deshalb war ich total glücklich, daß wir wirklich mit dem Raum arbeiten durften und vollkommen frei waren, das zu tun, was richtig erschien. Da waren die alten Regale, die haben wir erstmal weiß gestrichen. ich habe versucht, sie alle zu verwenden. Und dann haben wir die den teil des Raumes hinter dem Thresen gestrichen und das ist jetzt der Teil, in dem die „Seedbank“ ist, und dort sind 144 Gläser, in die dann die Geschichten reinkommen.

Anja Uhlig, Seedbank of Love & Stories, Gläser

Edith: Einmachgläser oder sowas ähnliches?

Doris: ja, genau

Anja: Und sie sind numeriert und mit dem Logo der „Dú Thuama Seedbank“ bedruckt, sie sind echt schön, und wenn jemand mit seiner oder ihrer Geschichte kommt, dann kann man ein Glas auswählen, uns seine eigene Geschichte hineintun und die Geschichte bekommen, die vorher drin ist. Und man ist dann auch der erste, der diese Geschichte liest, na außer demjenigen natürlich, der sie hineingetan hat.

Edith: Okay, also, es funktinioniert so, daß ich wenn ich …, warte, wenn du „Geschichte“ sagst, kann es eine lange Geschichte sein, oder eine kurze, oder vielleicht eine kurze Mitteilung über etwas Bedeutsames in deinem Leben, etwas das zu dir singt, zu dir spricht?

Anja: Es geht um die kleinen Geschichten, so alltägliche Geschichten, die geschehen, und irgendwie wichtig sind für dich.

Edith: So wie wenn Du als Kind mit Deiner Mutter zum Baden gegangen bist, oder sowas in der Art, ok. Also Du schreibst das auf, kommst her, öffnest das Glas, nimmst die Geschichte, die drin ist und tust deine hinein. Und was machst du mit der Geschichte, die du rausgenommen hast? Liest du sie?

Anja: Du bittest Ann, das alles zu machen … Und sie macht dann auch eine Kopie der Geschichte, die du mitnimmst. Die archivieren die dann in unserem Ordner, und da kann sie dann auch jeder lesen, also jeder, der eben hier vorbeikommt..

Seedbank of Love & Stories

Edith: Und du nimmst dann die Original Geschichte mit. Es ist deine, also das, was Du mitnimmst vom Projekt, und jemand anders wird deine Geschichte mitnehmen, und sie behalten als das, was er mitnimmt vom Projekt.

Anja: Ja, und auf diese Weise kannst man auch sicher sein, daß jede Geschichte irgendwann einmal gelesen wird.

Edith: Und ihr behaltet das Archiv, damit man alle Geschichten lesen kann, die ausgetauscht wurden. Es klingt außergewöhnlich – und was für ein historisches Archiv wird das sein in der Zukunft, wißt ihr, weil, ich bin sicher, so viele Erinnerungen, so viele Geschichten! Ok, und wo habt ihr die ersten Geschichten her, um das Projekt zu starten?

Anja: Oh, das ist echte eine gute Frage. Die haben wir uns auch gestellt. Zum Glück wurde ich eingeladen, das Projekt schon bei zwei Gelegenheiten im Januar und Februar zu präsentieren. Und dabei habe ich schon ungefähr 25 Geschichte gesammelt. Und Joseph, Ann und Doris haben auch schon Geschichten beibesteuert und so haben wir zur Eröffnung ungefährt 30 Geschichten, die schon echt getauscht werden können.

Edith: Sozusagen als die Samen für die „Seedbank“

Anja: Ja. Und für den Rest haben wir jezt erstmal Schokoladen-Osterreier gekauft. Also man kann sich erstmal aussuchen, ob man seine Geschichte gegen eine andere Geschichte tauschen möchte oder gegen ein Ei – und damit ein neues Glas beginnen möchte. Und die Menschen, die in München Geschichten beigesteuert haben, denen hab ich eine Photokopie einer Geschichte versprochen (und am Ende haben sie dann stattdessen eine Postkarte aus dem Postamt von Doohoma bekommen, weil das noch schöner wwar).

Seedbank on Tour

Edith: Ok, also die Eröffnung ist heute abend, Doris?

Doris: Ja, heute abend von 18 bis 20 Uhr. Und ich habe gerade noch über etwas nachgedacht, als Du die Familie Heston erwähnt hast. Mir liegt das Projekt gerade deshalb wirklich am Herzen, weil das Postamt und besonders die Familie Heston schon immer hier waren, wo die Geschichten zusammenkamen, sie kamen eben nur unsichtbar zusammen.

Edith: Ja, ja, ja, ja. Es ist der Ort wo die Menschen sich treffen, und, du weißt schon, alles austauschen, all die täglichen Grüße, alle Neuigkeiten im Dorf, wer krank ist, wem’s grad nicht gut geht, wer Hilfe braucht, wer weggegangen ist.

Doris: Und das muß noch gar nicht das Ende sein. Es geht nicht nur um die Leute hier im Dorf. Von jedes Haus, das man hier in der Gegend sieht, gibt es noch mindestens ein Dutzent Menschen, die irgendwo auf dem Globus leben, und mit denen wir über das Herz verbunden sind.

Edith: Ja genau!

Doris: Und auch deren Neuigkeiten werden hier in der Post ausgetauscht. Der Platz ist also viel größer als er aussieht.

Edith: Ganz genau

Doris: Und wenn man ein bißchen länger darüber nachdenkt wird Doohoma zum Zentrum der Welt.

Edith: Ja, ja ja,

Doris: Wegen allen die hier zusammenkommen – und dabei ist es von außen überhaupt nicht sichtbar. Du schaust es dir von außen an und es sieht aus, als ob da nichts los ist, und dabei ist so viel los hier.

Edith: Ja, es passiert viel. Es passiert so viel, absolut. OK, also ich weiß, daß ich noch viele Menschen habt, denen ihr danken möchtet, daß sie mitgeholfen, das Projekt hinzustellen. Natürlich Ann und ihrem Sohn Joseph. Und ich weiß, daß ihr gesagt habt, daß Michéal Holmes das Schild für euch gemalt hat.

Doris: Ja, er hat uns das wunderbare Schild für die „Seedbank“ gemalt, er ist so ein guter Künstler und er war so glücklich und sofort bereit, das zu machen. Es ist ein wirklich total schönes großes Schild geworden, das jetzt da im Postamt hängt.

seedbank_at_work_900

Edith: Und was haben Pat Chambers und Kyle gemacht, die Euch auch mit unterstützt haben?

Doris: Also, Pat hat uns geholfen, das Schild aufzuhängen, und er hat uns sehr gerne seinen Lötkolben geliehen, weil wir keines hatten. Und dann hat er auch noch angeboten, daß seine Tochter ein bißchen Musik zur Eröffnung spielen kann.

Edith: Ok, eine Eröffnung ohne Musik geht auch gar nicht …

Doris: … ja, und einer der LED-Stripes – all die Gläser sind nämlich wunderbar beleuchtet mit so LED-stripes – also ein stripe funktionierte nicht und Kyle Holmes kam, und hat versucht es zu löten, und Seamus hat geholfen, das Schild aus dem Pub, wo Michéal es gemalt hatte, hierher zu transportiere …

Edith: Du möchtest also, daß es eine Gemeinschaft wird, die wieder zusammenkommt, um etwas außergewöhnliches miteinander zu tun.
Und die Leute, die heute zur Eröffnung kommen, sollen sie schon eine Geschichte mitbringen?

Anja: Ja, sie können sie schon mitbringen oder eben dort aufschreiben.

Edith: Also es gibt Stifte und Papier, damit sie etwas vor Ort aufschreiben können, sie können aber auch einfach so kommen, einen wunderbaren Abend haben, und später mit der Geschichte zurückkommen. Ist nur eine Geschichte erlaubt oder können sie auch mehrere Gläser nehmen?

Anja: Man kann soviele Geschichten beitragen, wie man möchte – oder auch nach einem Monat nochmal vorbeikommen und eine neue Geschichte tauschen. Und die Geschichten sollten nicht zu lang sein. Ja, ich hoffe, daß die Leute zurückkommen werden.

Edith: Und wie lang ist diese Ausstellung nun in Doohoma geöffnet??

Anja: Wir fangen jetzt damit an.

Edith: Das Projekt beginnt jetzt.

Anja: Und dann wird die Seedbank zu den Öffnungszeiten der Post geöffnet sein.

Edith: Okay

Postamt Doohoma Öffnungszeiten

Anja: und ich hoffe, es wird weitergehen, und außerdem werden wir mit dem Projekt auch reisen.

Edith: Einfach toll.

Anja: Auf diese Weise können wir die Geschichten, die wir hier gesammelt haben, in die Welt bringen, und andere zurückbringen. Ich sehe das Ganze wirklich als weltweites Projekt.

Edith: Absolut, absolut. Ich sehe gerade vor meinem inneren Auge ein fantastisches Band, das aus all diesen geschichten erwächst. Weißt Du, dieses Archiv aus Erinnerungen und Geschichten. … Meine Damen, herzlichen Dank daß ihr heute vorbeigekommen seid. Anja, vielen Dank für deine künstlerische Vision, die hoffentlich nicht nur unsere Gemeinde, sondern viele Gemeinden überall auf der Welt bereichern wird. Es sit so eine außergewöhnliche Idee, wißt ihr, ich finde es wundervoll. Und Doohoma kann sich glücklich schätzen, daß ihr da seid. Und wir freuen uns auf die Eröffnung heute abend um 6:00 Uhr im Postamt von Doohoma. Sie geht bis um 8:00 Uhr. Es gibt Musik, es gibt was zu essen und zu trinken, schließlich sind wir in Irland, und es gibt viele Geschichten. Vielen Dank daß ihr hergekommen seid.

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Das Interview fand am Morgen der Eröffnung der Seedbank, am 11. März 2016 statt und wurde live gesendet auf Erris FM 90.8.

2 thoughts on “Interview auf Erris FM – über uns und die Seedbank

    1. Liebe Alexandra,

      ganz herzlichen Dank für Dein wundervolles Feedback!
      Du bist die erste, die unsere Kommentarfunktion ausprobiert hat – wie grandios! 😀

      Schöne Grüße,
      Anja

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